Hl. Kreuz

Predigt, zum 40jährigen Jubiläum der Kolpingsfamilie

Bundespräses Josef Holtkotte. Köln

Liebe Kolpingschwestern und Kolpingbrüder, liebe Schwestern und Brüder. Stellen wir uns vor, wir seien mitten drin In einer kreischende Menge von Fans, die alle Ihre überschwängliche Hoffnung auf diesen Star werfen -und nur Eines wollen: ein wenig Angesehen-Werden, ein Autogramm, einen Zipfel seiner Kleidung oder gar ihn selbst berühren, eine Sekunde Ewigkeit... Keiner kommt so richtig an den Sänger heran; er bleibt zwar zum Greifen nah, ist leidenschaftlich bei der Sache, doch er ist unberührbar, entrückt. Er bleibt wie durch einen Lichtkranz von seiner Kultgemeinde getrennt. Wir sehen eine gigantisch blinkende, hoch professionelle Inszenierung, die nichts dem Zufall überlässt; eine beinahe unwirkliche Erscheinung im Sog der Aufmerksamkeitsspirale, ein mythisches Idol aus einer Traumfabrik. Echte Gemeinschaft mit diesem abgehobenen Star gibt es nicht, nur eine Huldigung aus der Distanz, viel unverbindliches Lächeln, ei­nen gnädig gewährten Fototermin und - natürlich - die Unterwerfung unter die Anziehungskraft, die er mit seiner Musik auf die Verehrer und Verehrerinnen ausübt. Für viele Menschen sind solche Stars Lebensbegleiter auf Zeit, die gleichzeitig viel Zeit in Anspruch nehmen und Kräfte der Seele und des Herzens aufbrauchen.

Liebe Schwestern und Brüder,

ganz anders die Heiligen: Sie stehen im Scheinwerferlicht Gottes. Sie binden unsere Gefühle und Leidenschaften nicht an sich, sie weisen über sich hinaus auf Gott hin...

Liebe Schwestern und Brüder,

die christliche Botschaft sucht Begeisterte, eile sich mit dem auferstandenen Christus sehen lassen und seine Lebensmelodie live und mit Ihrer unverwechselbaren Stimme weiter singen; und die Heiligen suchen Nachahmer.

Heilige suchen Im Letzten keine Fangemeinde, sondern "Mitsänger". Vielfach bleiben Heilige unscheinbar im Hintergrund - (als "Moos" der Kirche, als unscheinbare „Heilige des Nahbereichs"); Andere erlangen Weltruhm, sind bis heute überall anwesend In den Kirchen auf dem Erdenrund. Die Heiligen würden abwinken, wenn sie den modernen Starkult sähen. Heilige sind keine Unterhaltungskünstler. Sie zerstreuen nicht, sondern konzentrieren.

Heilige sind nicht auf der ständigen Suche nach Anerkennung. Sie wollen mich nicht nur von Zeit zu Zeit in wohlige Stimmung versetzen oder in Ekstase bringen, sondern wirkliche Begleiter sein, die auf Christus hinweisen.

Liebe Schwestern und Brüder, nicht beim Inszenierten Starruhm, sondern beim Blick auf die wirklich Heiligen kommen wir Adolph Kolping schon sehr nah. Er konzentriert. Er verdeutlicht. Er ist authentisch und echt.

Ein wahrer Heiliger, auch als Seliger. Wenn wir Ihn richtig verstehen, schauen wir auch mit seinem Blick in unsere Welt. Als Kolpinggemeinschaft, die sich auf Adolph Kolping beruft, verstehen wir uns in seiner Tradition hier konkret vor Ort in der Kolpingsfamilie Heilig Kreuz seit 40 Jahren als eine Gemeinschaft, In der unterschiedliche Menschen Ihren Platz haben können und sollen, Menschen aus verschiedenen Generationen, aus allen gesellschaftlichen Gruppen, in unterschiedlichen Lebensformen, als Familien, Verheiratete und Alleinstehende, katholische und evangelische Christen und alle, die die Ziele unseres Verbandes bejahen können.


Das Kolpingwerk ist in vielen Ländern der Welt vertreten.

Deshalb gehört zu unseren Zielen auch die Verständigung zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen in unserem Land und die Partnerschaft mit anderen Ländern. Bei einer solchen Vielfalt erwarten wir von allen die Bereitschaft, einander zu verstehen und vom anderen zu lernen. Das Kolpingwerk versteht sich als Teil der katholischen Kirche. In Verbindung mit Ihr wollen wir unseren Glauben Im konkreten Alltag leben. Darin Ist uns Adolph Kolping ein wichtiges Vorbild.

Er lebte seinen Glauben konkret dadurch, dass er ein waches Herz für die Nöte und Probleme seiner Zeit hatte. Für Ihn gehörte das Bekenntnis zu Gott und der Dienst an den (notleidenden) Menschen untrennbar zusammen. Deshalb dürfen wir den Seligen Adolph Kolping ausdrücklich um seine Fürsprache bei Gott für unsere Anliegen und für unsere Kolpingfamilien bitten. Das sind - kurz zusammen gefasst - wesentliche Grundlagen von Adolph Kolping her.

Das sind Aspekte des Kolpingwerkes aus dem Blickfeld Adolph Kolpings, in der Spur von Adolph Kolping. In seinen Schuhen bewegen wir uns durch unsere Zelt In die Zukunft hinein.

Liebe Kolpingschwestern und Kolpingbrüder, liebe Schwestern und Brüder,

im Jahre 1963 erschien der Roman "In den Schuhen des Fischers" von Morris Langlo -

West. Es Ist eine erfundene, spannende Geschichte über die Wahl des ersten Russen

auf den Stuhl Petri. Wird er ein weltfremder Träumer oder eine starke Persönlichkeit

sein?

Der Titel "In den Schuhen des Fischers" lässt an Petrus denken und bedeutet wohl: Der Mensch, der das Petrusamt Inne hat, er steht in der Tradition der Kirche und prägt sie gleichzeitig für die Zukunft entscheidend mit. Dabei verbindet der russische Papst im Roman in guter Weise Urchristliches und Modernes. Er schaut mit geschichtlichem Blick nicht zurück, sondern nach vorne. Der Buchtitel „In den Schuhen des Fischers" weckt heute In mir viele Assoziationen.

Im Geiste Adolph Kolpings wollen wir unterwegs sein. In seinen Schuhen. Seine Ideen heute umsetzen. Dabei wissen wir, in der Geschichte unserer Welt wirkt sich Vergangenes fort in Menschen, in Ideen, in Entscheidungen, In Hoffnungen. Auch unser eigenes Leben beginnt erst heute nicht völlig neu. Es hat seine Erfahrungen und Prägungen. Diese besondere Mischung mit eigenen Vorstellungen, Ansichten, In einem traditionsreichen Verband zu sein, kommt zusammen.

Die Kirche, das Kolpingwerk garantieren dabei die Kontinuität. Neues knüpft immer an Vergangenes und Vorhandenes an. Das ist die Kolping-Parallele zum Roman „In den Schuhen des Fischers", von dem ich sprach. In geschichtlicher Verantwortung geben Menschen neue Impulse, wird für die Zukunft gehandelt. Das braucht Mut. Wenn man dieses Bild von den Schuhen richtig versteht, geht es also darum, mitzuhelfen, das, was Adolph Kolping wichtig war, was seine Ideen umfasst, in unserer Zelt umzusetzen, immer wieder zu fragen:

"Was heißt: 'Im Geiste Adolph Kolpings' In unserer Zeit?" oder: "Wie kann eine konkrete Kolpingsfamilie ihren Auftrag in der konkreten Gemeinde, den Herausforderungen heutiger Pastoral In strukturellen Veränderungen erfüllen?" oder: „Wie kann der Einzelne Kirchlichkeit und Verband miteinander leben?" oder: "Wie können wir die Anliegen Kolpings In unsere Zeit übersetzen?"


Das ist gerade das Heilige an Adolph Kolping: Er hilft uns so konkret In die Welt zu schauen. Nicht Im Bühnenlicht eines selbstverliebten Stars, sondern im Glaubenslicht Gottes für die Menschen.

Das bedeutet mir Kolping: Vertrauen zueinander haben, Glaube und Leben miteinander teilen, Bildung und Aktion durchführen, ein Verband von Jung und Alt zu sein und Menschen und Inhalte zu verbinden.

Miteinander Kolping sein heißt im Grunde genau das, wie es Adolph Kolping ausdrückte: „Der Mensch ist so viel wert, wie sein Herz wert ist". Jeder bringt letztlich das ein, was wirklich in Ihm steckt - bedeutet dies.

Viele Kolpingschwestern und Kolpingbrüder habe ich kennen gelernt, deren Herz im Geiste Adolph Kolpings gefüllt war und die Ihre Einstellungen zum Wohl der Kolpingsfamilie, der Gemeinde, der Gesellschaft, der Kirche einbrachten. Viele Namen fallen mir heute hier In unserer Kolpingsfamilie ein.

Dazu gehört Immer die christliche Grundeinstellung, der Einsatz für Benachteiligte, kritische Anteilnahme an sozialen Entwicklungen in unserer Zeit, das Denken in internationalen Kategorien. Das alles sind die Schuhe, in denen das Kolpingwerk geht. Adolph Kolping hat selbst mit seiner Hand Schuhe gefertigt. All das zu erreichen, was er uns vorgelebt hat, ist vielleicht eine Nummer zu groß für uns, aber für Schuhe gibt es Einlagen: der gute Wille, das gute Herz, der gute Rat, die gute Tat. Als Kolpingwerk auf dem Weg zu sein heißt nicht, alles perfekt umsetzen zu können, es heißt aber, Maß zu nehmen am Schuhmaß Adolph Kolpings. Es heißt, bestrebt zu sein, in einer schwierigen kirchlichen Zeit und vielen sozialen Umbrüchen mitzuhelfen, aufzubauen, Werte zu vermitteln, Menschen auf ihrem Lebensweg zu begleiten, Zeichen zu setzen und mit gläubigem Herzen gemeinsam unterwegs zu sein. Kolping s Ideen zu leben heißt, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, sich gegenseitig zu stützen. Liebe Schwestern und Brüder,

so Ist das also mit den Schuhen. Manchmal kann der Schuh auch drücken und Schmerzen verursachen. Aber nicht nur dann, sondern In allem, was wir planen und bedenken, brauchen wir den Seligen Adolph Kolping, damit der Schuh doch richtig passt. Das Kolpingwerk Ist auch eine Gebetsgemeinschaft, eine geistige Verbundenheit unter der Fürsprache des Seligen Adolph Kolping. Wir dürfen uns nicht verselbständigen, sondern müssen uns immer wieder rückbinden an Ihn. Wir brauchen sein Vorbild für all unsere Gruppen und Einrichtungen, wir brauchen seine Fürsprache für all unsere Kolpingschwestern und Kolpingbrüder. Wir brauchen seine Begleitung für all unsere Projekte und Ideen. Nur dann stecken wir In passenden Schuhen, nur dann zeigt sich, wie viel unser Herz wirklich wert ist. Dabei können wir mithelfen, den Brückenschlag von Alt und Jung zu schaffen.

Wir können mithelfen, Kolping als sozialen Verband In unserer Zeit sichtbar zu machen. Wir können mithelfen, das geistige und geistliche Gedankengut Kolpings für uns erfahrbar zu machen. Wir können mithelfen, mutig, froh, gläubig und vertrauensvoll unsere Zeit mitzugestalten. Wir alle zusammen sind zu diesem Miteinander aufgefordert. Was wir von Kolping her verwirklichen heißt, in tiefstem Sinne Kirche zu sein, miteinander leben und glauben, miteinander Gottes Geist sichtbar machen in unserer Zelt, miteinander die Gesellschaft erneuern Im Geiste Kolpings. Herzlich lade Ich an diesem Jubiläumstag ein, solche Schuhe anzuziehen. Es sind keine Siebenmeilenstiefel die schnell und oberflächlich einherschreiten. Manchmal sind es vielleicht eher kleine Schritte, die wir tun. Aber es sind Schritte mit den richtig passenden Schuhen, die vorwärts tragen.


Es ist der Einsatz in einem bodenständigen Verband, der die Zeichen der Zeit ernst nimmt und dann handelt.

Liebe Schwestern und Brüder, Heilige sind keine aus sich selbst heraus leuchtenden Fixsterne. Sie haben Charisma und haben sich dazu rufen lassen, das Gewöhnliche ungewöhnlich gut, aufmerksam und selbstvergessen zu tun. Nicht immer waren sie Gipfelstürmer und manche sind auch zu Lebzelten gescheitert. Von anderen ging eine unwiderstehliche Aura aus. Sie haben begeistert. Sie lassen auch uns leichter an Christus glauben.

Heilige sind keine sterblichen Götter. Ihr Leben sagt: Vergesst nie, dass wir sind, was auch Ihr seid: Von Gott geliebte, von Christus angestrahlte Mitarbeiter. Menschen auf Augenhöhe, an die man "herankommen" kann; die mehr als ihr Autogramm an uns verteilen und mehr

erhoffen als unseren Applaus: nämlich unser Vertrauen, unsere Fürbitte. In Adolph Kolping sehe ich einen solchen Heiligen, der nicht weniger als sich selbst gibt und damit alles schenkt.

Liebe Schwestern und Brüder,

„Der Mensch ist so viel wert, wie sein Herz wert ist" sagt Adolph Kolping. Lassen wir durch ihn unsere Herzen mit Glauben an Gott anfüllen, mit Hoffnung und Liebe. Gehen wir in seinen Spuren In den Schuhen unserer Zeit auf den Straßen des Lebens. Gott entgegen. Amen.

"Treu Kolping"