Hl. Kreuz

Markusevangelium1,21-28

Ansprache Herr Lange am 01. 02. 2015

 

Jesus heilt einen Mann, der von einem unreinen Geist besessen war

Predigt von Walter Lange zu Markus 1,21–28

 

In Kafarnaum ging Jesus am Sabbat in die Synagoge und lehrte. Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.
In ihrer Synagoge saß ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

 

Liebe Gemeinde,

 

für Jesus war es selbstverständlich, am Sabbat in die Synagoge zu gehen, um die Schrift zu lesen und auszulegen. Diesmal trifft er einen Mann, der von einem bösen Geist besetzt ist.

 

Wenn wir dies hören, dann tun wir dies gern als ein Ereignis von gestern schnell ab. Böse Geister? Das ist doch schon lange her.

 

Anselm Grün, der am 14. Januar seinen 70. Geburtstag feiern konnte, hat im letzten Jahr eine Kinderbibel herausgegeben. So erzählt er das heutige Evangelium:

 

Doch in der Synagoge saß auch ein Mann, der von einem unreinen Geist besessen war. Er war so unzufrieden mit seinem Leben, dass er nur ganz düstere Bilder von Gott in seinem Kopf hatte. Als Jesus nun so schön von Gott sprach, schrie der Mann laut auf: »Wie kannst du so von Gott reden? Gott ist ganz anders. Er bestraft die Menschen. Alle Menschen sind böse.«

 

Das ist der Alltag im Leben Jesu: Er begegnet Menschen,

  • die nicht im Einklang mit sich selbst leben können;

  • die belastet sind mit den Sorgen des Alltags;

  • bei denen immer wieder Gedanken auftauchen, die sie nicht loslassen können, die ihren Alltag zur Qual werden lassen.

 

Wenn der Evangelist Markus von »unreinen, von bösen Geistern« oder »Dämonen« spricht, dann meint er damit Zwänge, die Menschen beherrschen, die sie verbittern lassen, die sie am Leben hindern.

 

So auch der Mann in der Synagoge, der so unzufrieden mit seinem Leben ist, dass er nur ganz düstere Bilder von Gott in seinem Kopf hatte. Und diese Bilder kommen nicht von irgendwo her. Vielleicht hatte er Lehrer, vielleicht waren es auch seine Eltern, die immer wieder mit Gott drohten.

Das war Jesus ja nicht unbekannt.

 

Erinnern wir uns: Johannes der Täufer schockierte seine Mitmenschen mit radikalen Predigten. Dabei war er nicht zimperlich: überzeugt davon, dass Gottes Gericht bald bevorsteht, verhielt er sich nach der Devise „Alles oder Nichts“.

 

Ihr Schlangenbrut, so redete er seine Mitmenschen an,

wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?

Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt,

jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.

 

Mit dieser Drohbotschaft hatte er augenscheinlich Erfolg. Seine Zuhörer bekamen Angst und ließen sich von ihm taufen. So auch Jesus. Dabei ist etwas passiert: Jesus müssen die Augen aufgegangen sein: So wirst du den Menschen nicht gerecht. So kannst du ihnen nicht die Angst vor Gott nehmen.

 

Bei der Taufe macht Jesus eine Gotteserfahrung: Er erfährt sich als geliebten Sohn eines zärtlich liebenden Vaters. Dieses Geschehen muss ihn »umgehauen« haben, so dass er sich in die Wüste zurückzog, um sich über die Konsequenzen dieser Erfahrung klar zu werden. Er sah es von nun an als seine Lebensaufgabe an, diese »gute Nachricht« zu verbreiten: alle Menschen sind Gottes geliebte Töchter und Söhne. Mit dieser Erfahrung seid ihr frei, frei von Angst, von Machthunger, von Minderwertigkeitskomplexen und Besitzstreben.

 

So geht er weg aus der Wüste zurück in seine galiläische Heimat, wir finden ihn in den Dörfern am See Genesareth, in der Auseinandersetzung mit vielen Menschen. Er geht zu ihnen, wo sie leben, spricht mit ihnen, lässt sich von ihnen einladen, sitzt mit ihnen zu Tisch, isst und trinkt – so dass einige ihn sogar einen »Fresser und Weinsäufer« schimpfen.

Jesus redet nicht von frommen Dingen. Er sagt nicht, was er von anderen gehört hat. Vielmehr spricht er aus eigener Erfahrung

Er spricht so von Gott, dass die Menschen Gottes Gegenwart spüren. Der Gott, der die Menschen annimmt, sie bejaht, ermutigt. Er spricht mit innerer Freiheit von Gott. Bei Jesus ist keine Angst im Spiel.

Viele, die ihm zuhörten, erkannten: »Ja, genau so ist Gott. Jesu Botschaft bringt uns näher zu Gott.«

 

Einige hielten das nicht aus, so auch der Mann in der Synagoge. Er hatte mit einem strengen Gott zu leben gelernt, der richtet, der genau aufpasst, ob der Mensch auch genau die Gebote befolgt, die die Schriftgelehrten ihnen immer und immer wieder eintrichterten. Ein Gott, der die Menschen kontrolliert und beurteilt.

 

Und jetzt kommt Jesus und spricht ganz anders von Gott. Das bringt ihn auf die Palme. Er soll sich von liebgewordenen Gewohnheiten trennen. Er soll sich ändern. Nein, auf gar keinen Fall: »Wie kannst du so von Gott reden?«, fährt er Jesus an, »Gott ist ganz anders. Er bestraft die Menschen. Alle Menschen sind böse.«

 

Am Verhalten dieses Mannes wird deutlich, wie sehr Jesus seine Mitmenschen provoziert hat.

Der Evangelist Matthäus lässt Jesus sagen: »Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert.«

 

Dieser Satz wird uns immer wieder im interreligiösen Dialog vorgehalten: Auch eurer Jesus war gewalttätig.

Die Ausleger deuten diesen Satz aber so: »Schwert« ist hier kein Bild für Gewalt, sondern für Scheidung. Das Wort Gottes, das Jesus verkündet, stellt Menschen in die Entscheidung. Wer sich auf den Weg Jesu einlässt – wer sich auf die Religion Jesu einlässt -, der erfährt, dass er nicht überall Frieden bringt. Der muss mit Widerständen rechnen, mit unreinen Geistern.

 

Jesus gelingt es, diese unreinen Geister zu vertreiben. So kann sich auch der Mann in der Synagoge dem Gott öffnen,

  • vor dem er keine Angst haben muss;

  • der niemanden ausschließen will;

  • der eine zweite Chance gibt;

  • der auch uns ermutigt zu leben und uns nicht vor dem Leben zu verkriechen.

 

Von dem Mann wird erzählt, dass sein Gesicht nicht mehr verzerrt war, sondern große Ruhe ausstrahlte …