Hl. Kreuz

Ansprache an Ostern 2017

Walter Lange

Maria von Magdala begegnet dem Auferstandenen

Was heute im Evangelium über Maria von Magdala erzählt wird, das haben nicht wenige von uns, die jetzt im Gottesdienst sind, leider selbst erfahren müssen: den Tod eines geliebten Menschen.

Jesus und Maria waren sehr eng miteinander befreundet. In einem Roman unserer Tage (Lena Naumann, Mariam ging fort, München 2014.) spricht Maria von Magdala so über ihre Beziehung zu Jesus:

»Jesus war ein Mann, der Kraft ausstrahlte und viele Menschen führen konnte. Gleichzeitig besaß er die fürsorgliche Liebe einer Mutter für jeden Menschen, dem er begegnete.« (19)

Als wir uns das erste Mal sahen, da ergriff er meine Hand. Ich sah ihn an.

»Für einen kurzen Moment ließ er mich durch seine Augen in sein Inneres blicken. Da wurde mir bewusst: diesen Mann werde ich begleiten, solange ich lebe. Es wurde mir in einem einzigen Augenblick zur unumstößliche Gewissheit. Durch seinen Blick und seine Berührung fühlte ich mich als Mensch, als ganzer Mensch.« (20)

Durch ihn und mit ihm begann ihr zweites Leben.

»Was ich an Jesus besonders liebte? Dass er bereit war mit einer Frau zu sprechen, ihr zuzuhören, bisweilen auch von ihr zu lernen. So miteinander sprechen, wie er und ich es konnten, hatte ich vorher nie erlebt. Manchmal war unser Gespräch auch hart, nicht nur für ihn, für mich nicht weniger. Wenn unsere Wahrheiten, die meine und die seine, wie Steine aufeinander prallten.« (112)

»Jesus lehrte mich Güte und Treue zu den Menschen. Das fällt mir schwer, empfinde ich mich doch immer noch als Mensch des Widerspruchs. Ich lehrte ihn, dass Zorn zur Freundschaft gehört. Zorn ist ein Teil der Liebe, ohne ihn ist sie nur flach und lau. Nur wer zum Zürnen fähig ist, ist fähig auch zum Lieben. Nur wer zu manchem Nein sagt, kann anderes bejahen.« (120)

 

 

Diese Worte aus dem Munde von Maria von Magdala lassen erahnen, dass der Karfreitag die Katastrophe ihres Lebens war. Sie erlebte ihn wie einen Weltuntergang.

Im Gegensatz zu den Männern hatte sie Jesus nicht im Stich gelassen. Sie hatte keine Wahl. Sie konnte in kein anderes Leben flüchten. Ihr Leben wurde am Karfreitag mitgetötet. Alles, was mühsam und geduldig in ihr herangewachsen und gereift war, schien in den Stunden des Karfreitags zerschlagen und zunichte: der Grund ihrer Hoffnung, der Inhalt ihrer Liebe.

Zwei Tage später: Es ist früher Morgen. Erstes Licht. Zwei schlaflose, durchweinte Nächte lagen, wie ich mir vorstelle, hinter dieser Frau, die hinausgeht aus der Stadt und den Garten aufsucht, in dem sie zwei Tage zuvor den schrecklich zugerichteten Jesus von Nazaret begraben haben.

Sie sucht ihren Herrn auf, um an seinem Grabe für sich selber einen letzten Ruheort zu finden. Aufhören ihn zu lieben, kann sie nicht; sich von ihm losreißen oder ihn vergessen, vermag sie nicht – und will sie auch nicht. Im Gegenteil: Ihr einziger Wunsch ist jetzt, ihn nie mehr loszulassen, ihn, den die Menschen ihr genommen haben, will sie wenigstens in ihrer Erinnerung niemals verlieren. Und sie glaubt, dass das Grab der Ort ist, wo ihr dies gelingen kann.

Doch dann dies:

Maria sieht, dass der Stein vom Grab weggenommen war und spürt, dass jetzt nichts mehr da ist, woran sie sich halten kann. Darüber bricht sie in Tränen aus. Nicht einmal seinen Körper konnten sie ihr lassen.

Da vernimmt sie eine Stimme:

Frau, warum weinst du?

Die Stimme fragt nach dem WARUM, sie möchte, dass Maria ausspricht, warum sie weint. Nur wenn sie ihre Trauer zulässt, kann sich ihr Standpunkt ändern.

Sie antwortet:

Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.

Wohlgemerkt: man hat meinen Herrn weggenommen! Wie viel liegt in diesem Ausdruck an Anhänglichkeit und Treue, an enttäuschter Hoffnung und verlorenem Halt, wie viel auch vom Empfinden einer tiefen Einsamkeit.

Darauf wendet sie sich um: diese Wendung nach rückwärts ist innerlich gemeint: Innerlich wendet sich Maria Magdalena vom Grabe nach rückwärts, fort aus der leeren Gegenwart also in die Vergangenheit, weg von dem toten Äußeren zu dem, was ihr früher so viel bedeutet hat. Dieser Blick zurück wird wehgetan haben, doch zugleich kann Maria Dankbarkeit darüber empfinden, dass Jesus ihr ein neues Leben ermöglicht hatte. Und diese Erinnerung wird in ihr lebendig:

Die Worte, die Jesus sprach, die Kraft seiner Person, die zärtlichen Berührungen, die gemeinsamen Stunden werden lebendig. Diese Erfahrung macht Maria in diesem Augenblick. Er ist ihr gegenwärtig.

So bricht die Lebenskraft bei Maria wieder hervor.

So findet sie Zutrauen, in ihrem Leben fortzusetzen, was durch ihn angefangen hat.

Diese Entdeckung einer neuen Hoffnung für ihr Leben kann sie nicht für sich allein behalten; sie drängt danach, sich mitzuteilen: Ich habe den Herrn gesehen! Jesus ist wahrhaftig lebendig bei uns.