Hl. Kreuz

Predigt »In memoriam Richard Rademacher«

Walter Lange

Liebe Mitchristen,

vor zwei Jahren war ich im Ökumenischen Gemeindezentrum Hagen-Helfe, um an der Eucharistiefeier zum Fest der Taufe des Herrn teilzunehmen. Ich wollte wieder einmal Pastor Richard Radermacher predigen hören.

Zu Anfang stellte er fest: Immer und immer wieder werde kritisch angefragt: » Welche Ereignisse aus dem Leben Jesu, von denen die Evangelien erzählen, haben auch wirklich stattgefunden, sind also historisch verbürgt?« Seine Antwort: »Wenn ein Ereignis sicher stattgefunden hat, dann die Taufe Jesu.«

Johannes der Täufer war das Vorbild Jesu. Zu ihm hatte er sich in die Wüste aufgemacht, weil auch er der Ansicht war, das Ende der Welt stehe nahe bevor, jeder Mensch habe sich bald vor Gottes Gericht zu verantworten. Um vor diesem Gott bestehen zu können, bedürfe es der radikalen Umkehr. Deshalb ließ sich Jesus von Johannes taufen: Er wollte auch ein Zeichen setzen, dass man sich auf Gedeih und Verderb auf Gott zu verlassen habe.

Folgt man dem heutigen Evangelium, dann muss nach dieser Taufe etwas passiert sein:

Sobald Jesus getauft war, stieg er aus dem Wasser. Da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.

Und eine Stimme aus dem Himmel sagte: »Dies ist mein Sohn, ihm gilt meine Liebe, ihn habe ich erwählt.«

Heute deuten Theologen die Taufe Jesu so: Während Johannes Jesus taufte, ist Jesus bewusst geworden, dass der Weg des Johannes Menschen krank macht. Er erkannte: Gott ist anders, ER ist gütig und mild.

»Gott ist viel stärker, viel größer, viel gnädiger … er ist ein Gott der Vergebung, der nicht töten will, sondern der uns lebendig machen möchte.«[1] Er will, dass wir ohne Angst vor ihm leben.

Das ist der Grund, weshalb sich Jesus von Johannes getrennt hat und seinen eigenen Weg gegangen ist.

Pastor Rademacher wurde nicht müde zu betonen, dass Jesus sich dabei u.a. an den Propheten Jesaja erinnert hat, der im Auftrag Gottes sagt:

»Hier ist mein Bevollmächtigter, hinter dem ich stehe. Ihn habe ich erwählt, ihm gilt meine Liebe, ihm gebe ich meinen Geist. Er wird die Völker regieren und ihnen das Recht bringen.

Er schreit keine Befehle und lässt keine Verordnungen auf der Straße ausrufen.

Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Er bringt dem geschlagenen Volk das Recht, damit Gottes Treue ans Licht kommt.

Er selbst zerbricht nicht und wird nicht ausgelöscht. Er führt meinen Auftrag aus und richtet unter den Völkern meine Rechtsordnung auf.«

Das hat Jesus auf sich bezogen. Er verstand sich als Bevollmächtigter Gottes.

Wie kam Jesus zu dieser Erkenntnis?

Schon vor bald 50 Jahren wurde diese Frage in unserer Gemeinde leidenschaftlich diskutiert, und zwar in den Predigtgesprächen am Dienstagabend in der Gastwirtschaft Holtkotte.

Warum dort?

Es gab weder das Gemeindezentrum noch den Mehrzweckraum. So war die Gemeinde dankbar, dass Familie Holtkotte ihr einen Raum zur Verfügung stellte. Dort wurde leidenschaftlich diskutiert, um das richtige Verständnis des Glaubens gerungen. Und immer wieder ging es darum, Jesus so zu verstehen, dass er für uns lebendig, gegenwärtig ist. Und dies nicht nur in der Gastwirtschaft zur Vöhde, sondern auch an Wochenenden in der Kolpingsbildungsstätte Nieheim, im Dominikanerkloster Walberberg und sogar in Paris, wo wir die biblisch-orientalischen Funde im Louvre besuchten. Bis weit in die Nacht wurden die Gespräche fortgesetzt.

Aus meiner Erinnerung: Wer sich auf diese Fragen einließ, wer mit zu den Wochenenden fuhr, der war auf der Suche, weil man plötzlich merkte, das Katechismus-Wissen reicht nicht mehr aus. Ganz wesentlich: Die eigenen Kinder stellten plötzlich Fragen, die man nicht mehr beantworten konnte.

Natürlich gab es Erschütterungen: Nach einer intensiven Diskussion im Kloster Walberberg sagte mir jemand nachher in der Sauna: »Alles gut und schön: Aber ich will weiter katholisch bleiben …«

Gut, dass diese Abende versöhnlich beim Bier und beim Glas Wein ausklingen konnten ...

Die Frage » Wie kam Jesus zu der Erkenntnis, dass er der Bevollmächtigte Gottes ist?« hat uns damals schon intensiv beschäftigt.

Pastor Rademacher beantwortet sie so: »Jesus ist das Ergebnis einer geglückten religiösen Sozialisation.« Will sagen: Von früh an wurde er von seinen Eltern religiös erzogen, sie haben mit ihm regelmäßig gebetet. In der Synagoge lernte er die Heiligen Schriften kennen. All das muss sich bei ihm so eingeprägt haben, dass er es an bestimmten Stellen abrufen konnte.

In den Worten des Propheten Jesaia hat sich Jesus wiedererkannt und diese Worte zu seiner Leitidee gemacht, die er konsequent gelebt hat:

  • Zugehen auf die Menschen
  • keine Befehle schreien
  • das geknickte Rohr nicht zerbrechen
  • den glimmenden Docht nicht auslöschen
  • dem geschlagenen Volk das Recht bringen
  • Gottes Rechtsordnung einsetzen.

Immer wieder hat Pastor Rademacher die Propheten als Vorbild Jesu dargestellt, die sagten, was zu sagen war, auch wenn es unbequem war. Jesus muss bei den Propheten in die Schule gegangen sein. Nur so ist es zu erklären, dass er so leidenschaftlich für die Sache Gottes eingetreten ist und seine Mitmenschen herausgefordert hat sich zu entscheiden: welchem Bild von Gott vertraue ich?

Und genau das tat Richard Rademacher in seinen Predigten. Viele fühlten sich von ihm angesprochen. Aber es gab auch einflussreiche Gemeindemitglieder, die seine Predigten nicht ertragen konnten. Und die haben ihm zugesetzt!

Für ihn stand fest: Der Gott, dem Jesus vertraut, will Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Gerechtigkeit steht an erster Stelle. Bei Jesaia heißt es: Er wird die Völker regieren und ihnen das Recht bringen.

Deshalb engagierte sich Pastor Rademacher für Peru, deshalb die Bitte an die Gemeinde, sich auf diesen Weg einzulassen, diesen Weg mitzugehen. Und Heilig-Kreuz ist ihm gefolgt – Gott sei Dank bis auf den heutigen Tag.

An zweiter Stelle steht Barmherzigkeit: Das geknickte Schilfrohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus.

Pastor Rademacher war mit Sicherheit sehr geknickt, als er erfuhr, wie schwer erkrankt er ist.

Zwei Wochen vor seinem Tod hat er mir dies in einem sehr persönlichen Brief mitgeteilt. Er schrieb aber auch von seiner Hoffnung, dass Gott ihm helfe, seine Würde zu bewahren, also nicht zu zerbrechen.

Ich glaube, dass mein Freund Richard so gestorben ist, wie er gelebt hat – gehalten von seinem Gott, der ihn Zeit seines Lebens getragen und ihn jetzt endgültig in seine barmherzigen Arme genommen hat.



[1] Drewermann, Matthäus I, 323.